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Heinrich Fiehler

Heinrich Fiehler (* 28. Oktober 1858 in Reckerode/Hessen; † 5.Juni 1945 in Schattenhofen am Ammersee) war Prediger in Bayreuth, Planitz, Braunschweig, München, Flensburg, Augsburg/Würzburg und wieder München und gilt als „Pionier der Bayernmission“.

fiehler-heinrich.jpgEr wurde 1882 in Schleswig getauft. Von Beruf war er Goldschmied. Nach Besuch der Missionsschule in Hamburg wurde Fiehler von 1887-1890 erster Prediger in Bayreuth, der damals einzigen Gemeinde in Bayern und hielt auch Versammlungen in umliegenden Dörfern. 1888 wurde er ordiniert. 1890 folgte er einem Ruf nach Planitz in Sachsen. 1894 wurde er nach Braunschweig berufen, wo er 1896 auf seinen Antrag hin für die Gemeinde die Korporationsrechte erhielt. Auf Wunsch der wenigen Baptisten iin Bayern und mit Unterstützung der Hessischen Vereinigung und des Bundes der Baptistengemeinden wurde er nach München berufen, um mit einer planmäßigen Pionierarbeit zu beginnen. 1901 begab er sich auf „Erkundungsreise“. 1902 zog er mit Familie nach München. Dazu erhielt er die behördliche Zuzugsgenehmigung, gegen den Widerstand des lutherischen Dekanats. Aber öffentliche baptistische Versammlungen blieben verboten. Sein bescheidenes Gehalt bezog er von der Hessischen Vereinigung und aus Spenden. 1903 wurde ein „Arbeiter-Hilfsverein“ gegründet, später umbenannt in „Allgemeiner Hilfsverein“, als juristische Arbeitsgrundlage für die missionarisch und soziale Tätigkeit der entstehenden Gemeinde. Zum Verein gehörten auch bekannte Münchener Bürger. Auch ein „Verein des Blauen Kreuzes“ kam dazu. 1904 fand die erste Taufe in der Isar statt. 1907 wagte die kleine Gemeinde eine Evangelisation mit dem Evangelisten Jakob Vetter. Da die Baptisten in Bayern nicht offiziell anerkannt waren, erwirkte Fiehler mit seinem Pioniereifer eine Audienz beim Kultusminister Dr. v. Wehner. Tatsächlich verfügte Prinzregent Luitpold 1908 die Anerkennung der Baptisten als „Privat-Kirchen-Gesellschaft“. Die Münchener Gemeinde umfasste inzwischen 47 Baptisten, davon 21 Erwachsene. (Das Mitglieder-Verzeichnis, das an die Behörden eingereicht werden musste, enthielt auch die Kinder baptistischer Familien. Eine zu kleine Zahl wurde oft als Ablehnungsargument benutzt). 1911 nahm Fiehler am Weltkongress der Baptisten in Philadelphia teil. Während seiner fast viermonatigen Abwesenheit predigten u.a. Joseph Halmos und der Judenmissionar Naphtali Rudnitzky. 1912 holte die Gemeinde für acht Wochen das größte Zelt des Baptistenbundes, ein 1000-Besucher-Zelt, in Bayerns Hauptstadt mit dem bekannten Baptistenprediger F.W.Herrmann als Evangelisten. Nach und nach wurden 40 Personen getauft. Als Fiehler im Juli 1914 Abschied nahm war die Gemeinde München auf 62 Glieder angewachsen und Stationsgemeinden bestanden in Donaumoos (heute Ingolstadt), Augsburg, Kempten und Würzburg. Er nahm eine Berufung in die Gemeinde Flensburg an. 1923 wurde er nach Augsburg berufen und betreute von dort aus auch die Station Würzburg. 1928/1930 kehrte er mit Familie nach München zurück, um dort seinen Ruhestand zu verbringen.

Fiehler war nicht frei von antijüdischen Vorbehalten seiner Zeit. Er nahm am 5. Baptisten-Weltkongress in Berlin 1934 teil und nahm zur Rassenfrage Stellung. Zwar seien alle Rassen vor Gott gleich, wenn aber eine Rasse „volksschädigend“ wirke, dürfe die Regierung sie „in die Schranken weisen“. Generalsekretär Rushbrooke wies das vorsichtig zurück, indem er entgegnete, eine solche Rasse solle „nicht entwürdigt“ werden (BWA-Kongress, 217f). Als Joseph Halmos, der Mitgründer der Münchener Gemeinde und selber jüdischer Herkunft, am Tag nach dem ersten Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte (1.April 1933) seinen Rücktritt vom Verkündigungs- und Seelsorgedienst anbot, nahm diesen Heinrich Fiehler widerspruchslos an, obgleich beide seit frühester Zeit freundschaftlich verbunden waren.

Er war verheiratet mit Emma, geb. Wulff und hatte mit ihr sieben Kinder, darunter Karl, der schon früh NSDAP-Mitglied wurde und später NS-Oberbürgermeister von München (1933-45). Bei einem Bombenangriff 1943 verlor die Familie Hab und Gut. Ehefrau Emma starb einige Tage danach. Heinrich Fiehler musste auf Anordnung der amerikanischen Besatzungstruppen das Anwesen seines Sohnes verlassen. Er starb einsam und fand seine letzte Ruhestätte in der „Selbstmörderecke“ des Friedhofes in Schattenhofen am Ammersee. In der Münchener Gemeindegeschichte wird er der „Abenteurer für Gott“ genannt. (RF nach den Festschriften von Bayreuth, 1990, und München, 2002).

Zur Biographie siehe A. Holzmann, 50 Jahre im Dienst am Wort, in: Wahrheitszeuge 1937, Nr. 47, S. 376 .

Ausführlichere Biographie in wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Fiehler

Andrea und Kim Strübind (Hgg.), Zwischen Himmel und Erde. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der EFG München (Baptisten) 1902-2002, München 2002, S. 191.

Archiv EFG Bayreuth, Friedrichstraße.

Archiv EFG Braunschweig, Friedenskirche.

Archiv EFG München, Holzstraße.

„Erkundungsreise“ nach München von 1901, in: Wahrheitszeuge 1901, Nr. 38, S. 303; wieder abgedruckt in: Andrea und Kim Strübind (Hgg.), Zwischen Himmel und Erde. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der EFG München (Baptisten) 1902-2002, München 2002, S. 43f.

verschiedene Art. zur Missionsarbeit in München, z.B.:

Wahrheitszeuge 1903, Nr. 17, S. 135.

Wahrheitszeuge 1907, Nr. 52, S. 416.

Wahrheitszeuge 1908, Nr. 28, S. 224 (über die erhaltenen Rechte zur freien Religionsausübung).

Wahrheitszeuge 1910, Nr. 2, S. 16.

Brief vom 6.10.1930 über die Anfänge der Missionsarbeit in Bayreuth, in: Gott mehr gehorchen als den Menschen? Festschrift 150 Jahre Baptistengemeinde Bayreuth 1840-1990, hg. v. Rudolf Bräunling und Hans Stapperfenne, Bayreuth 1990, S. 63-65.

F.W.Simoleit (Hg), Offizieller Bericht über den 1. Kongreß der europäischen Baptisten, Berlin 1908, S. 64; Jahrbuch 1933 des Bundes der Baptistengemeinden in Deutschland, S. 50.80; Fünfter Baptisten-Welt-Kongreß. Deutscher Bericht des in Berlin v. 4. bis 10. August gehaltenen Kongresses, hg. v. W.Harnisch und P.Schmidt, Kassel 1934, S. 217f.348; A. Holzmann, 50 Jahre im Dienst am Wort, in: Wahrheitszeuge 1937, Nr. 47, S. 376; Jahrbuch 1938 des Bundes der Baptistengemeinden in Deutschland, S. 56.85; R. Donat, Ausbreitung, 1960, S. 355.356.409; Wilhelm Hörmann, Auch diese Zeit ist Gottes Zeit. Erinnerungen, Wuppertal/Kassel 1981, S. 34.44.76.99.111; Hans Guderian, Die Täufer in Augsburg. Ihre Geschichte und ihr Erbe. Ein Beitrag zur 2000-Jahr-Feier der Stadt Augsburg, Pfaffenhofen 1984, S. 128.130; Karl Zehrer, Evangelische Freikirchen und das „Dritte Reich“, Göttingen 1986, S. 32.87; Gott mehr gehorchen als den Menschen? Festschrift 150 Jahre Baptistengemeinde Bayreuth 1840-1990, hg. v. Rudolf Bräunling und Hans Stapperfenne, Bayreuth 1990, S. 53.61.62.63-65.66.71.72.80.90.93.94.96.99.111; Andrea Strübind, Unfreie Freikirche, ²1995, S. 169f.266.341; Andrea und Kim Strübind (Hgg.), Zwischen Himmel und Erde. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der EFG München (Baptisten) 1902-2002, München 2002, S. 42-45.46.47.49.52.56.57.59.60.61.66.73.77.80.86.90.96.103.104.106.110f.113; Arno Kallweit, Schleswigs Baptistenchronik 1856-2006 im Spiegel deutsch-dänischer Geschichte, Berlin 2006 (467 S.), S. 239; Andrea Strübind, „Wir Christen unter Zuschauern.“ Die deutschen Baptisten und die Judenverfolgung in der Zeit der NS-Diktatur, in: D. Heinz (Hg), Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“. Instrumentalisierte Heilsgeschichte, antisemitische Vorurteile und verdrängte Schuld, Göttingen 2011, S. 160f.165f (= ZThG 23/2018, 87.91f); Peter Muttersbach/Gotthard Wefel, Die Anfänge des Baptismus zwischen Harz und Heide, Norderstedt 2015, S. 219.259-263.265.268.284; vgl. auch wikipedia-Art. Heinrich Fiehler;

zum Sohn Karl Fiehler (NS-Oberbürgermeister von München): Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, hg. v. Jürgen Schmädeke und Peter Steinbach, München/Zürich 1985, S. 388.389.390.401; Wolfgang Benz (Hg), Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, München 1988 (4.Aufl. 1996), S. 289; Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, Kurzbiographie Fiehler, Karl, S. 834; Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, hg. v. Hermann Weiß, Frankfurt 1998, überarbeitet 2002, S. 121f; Andrea und Kim Strübind (Hgg.), Zwischen Himmel und Erde. Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der EFG München (Baptisten) 1902-2002, München 2002, S. 88 (Foto).90f; Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt 2003, überarbeitet 2005, S. 149; Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Gesamtausgabe (zuerst München Bd. 1,1998 und Bd. 2, 2006), dtv-Taschenbuch 2008, S. 250.751; Andreas Heusler, Karl Fiehler. Oberbürgermeister der „Hauptstadt der Bewegung“ 1933–1945, in: Friedrich H. Hettler, Achim Sing (Hg), Die Münchner Oberbürgermeister. 200 Jahre gelebte Stadtgeschichte, München 2008, S. 117–134; Andrea Strübind, „Wir Christen unter Zuschauern.“ Die deutschen Baptisten und die Judenverfolgung in der Zeit der NS-Diktatur, in: D. Heinz (Hg), Freikirchen und Juden im „Dritten Reich“. Instrumentalisierte Heilsgeschichte, antisemitische Vorurteile und verdrängte Schuld, Göttingen 2011, S. 152.160 (= ZThG 23/2018, 78f.87); Peter Muttersbach/Gotthard Wefel, Die Anfänge des Baptismus zwischen Harz und Heide, Norderstedt 2015, S. 259; vgl. auch wikipedia-Art. Karl Fiehler.

NS-Dokumentationszentrum München, Münchener Biographien: https://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de/dauerausstellung/muenchner-biographien/detail/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=28&cHash=31d59dd675b914373995af91df3640b3;

Süddeutsche Zeitung, 6.Mai 2020 „Der Nazi-Bürgermeister von München“: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/nationalsozialismus-muenchen-buergermeister-1.4895170

Bildnachweis: Verlag der GFTP (Andrea Strübind) 2002 (Heinrich Fiehler 1902)

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